HUBER.HUBER

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Werkschau 2019

Museum Haus Konstruktiv, Selnaustrasse 25, 8001 Zürich

26. September bis 6. Oktober 2019

Bereits zum fünften Mal ist die Fachstelle Kultur zu Gast im Museum Haus Konstruktiv und zeigt Werke von folgenden Zürcher Künstlerinnen und Künstler, die sich um die kantonalen Werkbeiträge im Bereich Bildende Kunst bewerben:

Georg Aerni, Baltensperger+Siepert, Amélie Bargetzi, Heiko Blankenstein, Cédric Eisenring, Christoph Eisenring, El Frauenfelder, Gabriele Garavaglia, Federica Gärtner, Julia Geröcs, Valentin Hauri, Alex Herzog, huber.huber, Daniel V. Keller, Esther Kempf, Simon Ledergerber, Georgette Maag, Esther Mathis, Giuseppe Micciché, Raphal Perret, Tanja Roscic, Sally Schonfeldt, Filib Schürmann, Veronika Spierenburg, Claudia Stöckli, Ana Strika, Sebastian Utzni, Latefa Wiersch, Willimann/Arai, Agnès Wyler

Wiese

2019, Plakatdruck, Lambdaprint hinter farbigem Plexiglas, synthetischer Duft (frisch geschnittenes Gras), Masse variabel

huber.huber binden in ihrer harmlos klingenden Installation Wiese auch das sinnliche Element Duft in den Diskurs rund um Natur und Zivilisation ein. Über die grossformatige fotografische Aufnahme einer Wiese in Schwarz-Weiss montieren sie drei Wiesenstücke desselben Ortes hinter grünem Glas und gesellen dazu einen Diffusor, der gleichmässig Duft im Raum verteilt. Der Duft ist eine synthetische Komposition, welcher den Eindruck einer frisch gemähten Wiese simuliert. Es ist ein grasiger, leicht zum Metallischen neigender Geruch, der sofort Assoziationen an Barfusslaufen im Sommer, weidende Kühe sowie Raufspiele in einer frisch gemähten Koppel weckt.

Die Künstler rufen mithilfe von Düften individuelle Erinnerungen wach, welche räumliche und sinnliche Wahrnehmungen erzeugen. Diese überlagern und beeinflussen die ästhetische Wahrnehmung und treiben das Fragespiel – in welchem Verhältnis Wahrnehmung zu Wissen und Wahrheit steht – klug weiter. Nicht nur bleibt offen, wie stark wir unseren eigenen Wahrnehmungen wirklich trauen können, sondern werden wir offenkundig schnell Opfer unserer eigenen Sehnsüchte. Denn die Wahrnehmung entpuppt sich als künstlich erzeugte Illusion, welche Licht auf unser Verhältnis zur Natur wirft. Aufgeteilt in ihre Einzelbestandteile Struktur, Farbe und Geruch verleitet die Wiese zu einer tieferen Kontemplation ihres Wesens. Denn das Cis-3-Hexenol, welches wir als wohligen Duft wahrnehmen, ist zugleich der Hilferuf einer Pflanze. Die freigesetzten Blattduftstoffe stammen von Verletzungen durch Fressfeinde oder Rasenmäher. Die Ausdünstung kurbelt die Wundheilung der Pflanze an, dient als Kommunikationsmittel und soll Fressfeinde fernhalten.

Mit diesem Hintergrundwissen wird der Geruch nicht mehr als ganz so harmlos erlebt. Das Gleiche gilt für das visuelle Element der Installation. Denn die gezeigten Grasnarben sind Bilder von Bombenkratern in Helgoland, welche aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Sie wurden buchstäblich mit Gras überwachsen, ebenso, wie die Folgen des Krieges im kulturellen Gedächtnis zu verblassen beginnen. Statt Idylle präsentieren uns die beiden Künstler also das pure Gegenteil, nämlich die Spuren von kriegerischer Zerstörung, tausendfachem Leid und Tod. Wie der Pflanzenduft sind die visuellen Eindrücke nur so lange angenehm, wie man ihre Ursachen nicht kennt.

Verletzungen und Narben sind das eigentliche Thema dieser Installation. Ein Thema, das sich erst offenbart, wenn sinnliche Wahrnehmung auf intellektuelles Forschen trifft. Dabei streifen huber.huber auch ein Dilemma von jedweder mit Erinnerung und Gedenken operierenden Kunst. Denn jede Erinnerung muss immer von Neuem in gegenwärtiger Sinnlichkeit aktualisiert werden, ansonsten läuft sie Gefahr, dem Vergessen anheimzufallen. Diesem Umstand haben sie mit der olfaktorischen Spur, welche zu den charakteristischen Erinnerungsmedien gehört, Rechnung getragen.

Kathleen Bühler